Einstand
Einst hat sich mit dem Schreiben eine neue Welt für mich aufgetan, eine die selbst meine kühnsten Träume übertraf. Eine Welt die mir neue Wege aufzeigte und mir das Schwindel erregende Gefühl gab alles, was ich auch nur wollte, im Leben schaffen zu können.
Eine Welt in der einem die gebrochenen Flügel gestutzt werden und man, über Zeit und Raum hinweg, weiß dass man geliebt wird.
Ich zählte mich gerade mal zum Durchschnitt, farblos und durchsichtig war mein Selbstbild, nichts Besonderes eben. Dabei bin ich gar nicht mal hässlich, doch wenn Körper und Seele nicht im Einklang sind, ist der Rest für die Katz.
Meine Schulzeit im Gymnasium verlief alles andere als rosig. Ich hatte gar zwei Ehrenrunden gedreht und somit war es für mich klar, dass ich einfach nicht mit meinen Mitschülern mithalten konnte.
Heute sehe ich, wie das Gefühl der Ausgeschlossenheit, mein Selbstwertgefühl richtiggehend zerschmettert hat und wie ich, in dem Glauben beschränkt zu sein, teils mit einem Brett vor dem Kopf herumlief. Sowie auch, dass meine Eltern es in ihrer Liebe zu mir einfach nicht besser wussten und wissen, als mir zu vermitteln, wenn es nicht geht, dann geht es eben nicht, also akzeptiere dich gefälligst so wie du bist.
Ein gutes Ventil, eine Möglichkeit zur Selbstbestätigung sind ja der Sport oder verschiedenste andere Interessen. Das Tanzen, Schreiben war schon immer meins, doch ich habe dies nicht als so ernst genommen oder dachte mir, du hast nicht das richtige Umfeld und die Möglichkeiten. Doch heute weiß ich es ja besser.
Und eben weil ich nirgendwo eine erfüllende Selbstbestätigung gefunden habe, bin ich als Pubertierende stets irgendwelchen Träumen nachgehangen. Ich habe mir gedacht, wärst du hübscher, lustiger, beliebter oder geselliger oder was auch immer, hättest du einen größeren Freundeskreis, eine richtige Clique und natürlich wäre der Typ für den ich schwärmte, mein Freund, der mich abgöttisch liebt. Was heute auch nicht so ungewöhnlich für Heranwachsende ist.
Doch zu der Zeit, ich bin gerade dabei es mir einzugestehen, fing auch meine Zwangsstörung an. Ich habe mich selber nicht mehr gespürt, also musste ein äußerlicher Reiz her. Es fing damit an, dass ich mit meinen Haaren spielte und an ihnen zog.
Das Ventil, das ich nie gefunden hatte, eine Sucht die es zu befriedigen galt. Es ist nun schon fast zwanzig Jahre her, dass ich damit angefangen habe. Je nach Gemütsverfassung mal mehr, mal weniger, schossen die Impulse, das Haar zwischen den Fingerkuppen, zwischen den Fingern und dem Gehirn hin und her.
Um die zehn Jahre später habe ich geheiratet, um nach drei Jahren wieder geschieden zu werden. Ich war am Boden, wie nie in meinem Leben zuvor. Sehr wohl habe auch ich mein Schäufelchen mit Fehlern, Verdrängungen etc. zu tragen. Doch in Gedanken immer dieses Wörtchen wenn. Vielleicht hätte es geklappt, wenn du deine Zwangsstörung und die daraus resultierenden Depressionen nicht hättest, wenn du eine bessere „Hausfrau“ gewesen wärst. Drei Jahre an jemanden gebunden zu sein den man liebt, der jedoch falsch spielt, macht einem klar, wie sehr Liebe blind machen kann.
Die Scheidung von meinem gottlob Verflossenen hat einen Auslöser, der einen endgültigen Kurzschluss meiner Liebe zu ihm auslöste und die Wirkung, dass ich meine Sachen packte, auszog und somit von einem Tag auf den anderen von ihm getrennt war.
Er hat mich sicher auf einige Arten betrogen. Doch an dem Tag war der eigentliche Grund, dass ich mich einfach nicht mehr für dumm verkaufen lassen wollte und die Konsequenzen zog.
Doch ungefähr ein halbes Jahr zuvor gab es den zweiten Auslöser.
Einen Sog, auf den ich keinen Einfluss hatte. Es kann alles gewesen sein, und nichts.
Ein Geschenk Gottes, eine Fügung oder nur ein dummer Zufall.
In jedem Fall wusste ich, seit jenem Tag mehr und mehr, dass es im Leben so viel mehr gibt, als das was ich damals lebte, insbesondere als das, was ich mit meinem Ex lebte.
Als ein mir bis dato unbekannter Mann mich im Chat anklickte, war es als ob ein nie zu enden wollender Schaltkreis in Gang gesetzt wurde. Fast jeden Tag haben wir gechattet und Stunden um Stunden vergingen wie im Flug. Was für Schichten meiner Persönlichkeit brachte dieser Mensch nicht alle zum Vorschein.
Plötzlich war ich Verführerin, Unschuld vom Lande, Intrigantin, Vamp, Scherzkeks, Teufelin und Engel in einem. Auch wenn nur verbal, wir konnten nicht genug von einander bekommen. Wie die meistzitierte Katze den heißen Brei becircten wir einander. Sätze, Wortfetzen, hin und hergeschossen wie ein Ping- Pongball. Welch ein Genuss zu erobern, welch einer sich zu unterwerfen.
Ich war noch verheiratet, er fünf Jahre jünger als ich und Hunderte Kilometer trennten uns voneinander. Etliche Gründe warum nichts geschehen sollte und doch ist etwas geschehen, wie aus dem Nichts.
Ich bin seitdem eine andere, wie neugeboren. Wir haben einander noch nicht einmal getroffen, jeder lebt sein Leben. Keiner stellt Forderungen an irgendwen, und es ist auch nicht nötig. Und ich weiß, unabhängig von ihm, ich muss meinen eigenen Weg gehen.
Die Erfahrung eines Wunders, öffnet einem Tore zu weiteren Wundern, denn es ist das Wunder des Lebens an sich.